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Auszug aus dem Buch

„Diagnose Brustkrebs – Ein Warnschuss meiner Seele“

                                                                                        von  Eva Steyrer

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„Heute ist es soweit.
Aufgeregt?“,  fragt die Krankenschwester freundlich, während sie mir anstatt eines Frühstückes eine Tablette verabreicht. „Die Tablette mit so wenig Flüssigkeit wie möglich hinunterschlucken“, sagt sie noch schnell, bevor sie eilig wieder das Zimmer  verlässt.
 
Die „Gleichgültigkeitstablette“ verfehlt ihr Ziel nicht. Völlig schläfrig erschrecke ich,  als ein Pfleger, den ich zuvor noch nie gesehen habe, die Fahrsperre von meinem Stahlrohrbett löst und mich den Gang der Abteilung IIa  entlangkutschiert, bis ich in großen Buchstaben lesen kann: „OPERATIONSSAAL – für Unbefugte ist der Eintritt verboten“.
 
Umständlich versucht der Krankenpfleger, mir ein kleines Schild am Handgelenk zu befestigen. Ohne Brille kann ich nicht lesen, was darauf geschrieben steht, aber es bleibt mir nicht verborgen, wie missgelaunt er seine Arbeit verrichtet. Das Schild will nicht halten und der Mann wird zunehmend ärgerlicher, bis ich belustigt feststelle: „Kommen Sie ja nicht auf die Idee und hängen mir den Zettel auf die große Zehe!“  „Na, Sie haben Nerven“, poltert der Pfleger und fügt scherzhaft hinzu, „jetzt sind Sie mir ausgeliefert und trotzdem noch so frech.“ Wir lachen beide herzlich. Ein zufällig anwesender Arzt dürfte unsere Unterhaltung mitgehört haben und stellt amüsiert fest: „Lachen ist gesund, weiter so.“ Ich weiß nicht, wie lange ich in meinem Bett am Gang warten muss. Zwischendurch nicke ich immer wieder ein wenig ein, erschrecke aber jedes Mal, wenn jemand an mir vorbeitrippelt.
 
Unerwartet steht plötzlich jene Bettnachbarin vor mir, die mir bei meiner ersten Chemotherapie sympathisch aufgefallen war. Sie wird etwa in meinem Alter sein, schätze ich. Die meiste Zeit war sie damals unter ihrer Bettdecke verschwunden gewesen.
Dass sie auch Brustkrebs hat, mit der damit verbundenen Chemoprozedur,  war bei den täglichen Visiten unüberhörbar.  Genauso, wie oft und in welcher Konsistenz der tägliche Stuhlgang einer jeden Bettnachbarin ausfiel oder bei wem der Stoffwechsel, wie in meinem Fall, überhaupt nicht mehr funktionierte.
Bei der lamentierenden „Oma“ zum Beispiel waren schon sämtliche Patientinnen im Chemozimmer versucht, die „Stuhlfrage“ des Arztes zu beantworten, nachdem sie exakt fünf Mal danach gefragt wurde  und die erwünschte Rückmeldung nicht erfolgte. Sie hatte wieder einmal keinen Hörapparat in der Ohrmuschel.
 
„Haben Sie Angst vor der Operation?“, fragt mich die nette Zimmerkollegin von damals und, ohne eine Antwort abzuwarten, fährt gleich fort, „ich hab es schon hinter mir. So schlimm war es dann gar nicht, aber ich weiß, wie Sie sich jetzt so unmittelbar davor fühlen.“
Sie komme aus dem Pielachtal, sagt sie. Das Pielachtal liegt im Bezirk St. Pölten Land und ist nicht weit weg von meinem Heimatort. Sie erzählt, dass sie ihren Beruf als Kellnerin nie mehr wieder ausüben wird können, weil sie nichts Schweres mehr heben darf. Darüber ist sie aber nicht unglücklich, erfahre ich, denn ihr Lebenspartner sei längst in Pension und nun möchten sie die gemeinsame Zeit zuhause genießen.
„Wissen Sie“, sinniert sie, „wenn man einmal ganz unten ist, dann kann es nur mehr besser werden. Am Anfang glaubt man, eine Welt bricht zusammen, und man fragt sich: ,Warum gerade ich?’ Das Leben kommt einem plötzlich so sinnlos vor und ich getraute mich lange nicht das Wort ‚Krebs’ auszusprechen. Aber wenn der Alltag kommt, dann sieht man die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen. Das Erleben der Natur, der Genuss der Landschaft. Das gibt wieder Lebenskraft und Zuversicht.“ Diese Frau wirkt so vertrauensvoll und stark auf mich. Warum erscheint sie mir gerade jetzt? So unmittelbar vor meiner Operation, vor der ich doch so großen Bammel habe...
 
 

Content © 2004 Diagnose Brustkrebs - ein Warnschuss meiner Seele
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